Wer bin ich?

 

In der Jetztwelt….

 

 

Tiya sass an ihrem Schminktisch, das sanfte Licht der Nachmittagssonne fiel durch das Fenster und umspielte ihr Gesicht, doch in ihrem Herzen war nur Dunkelheit. Seit geraumer Zeit fühlte sie sich verloren und allein. «Wer bin ich eigentlich?» murmelte sie leise, während sie in den Spiegel schaute. Dieses vertraute Gesicht schien ihr so fremd, als wäre es ein Schatten ihrer selbst.

 

Plötzlich begann ihr Spiegelbild zu verschwimmen, schien sich in einen nebligen Schleier zu verwandeln, bis sie sich kaum noch selbst erkennen konnte. Eine sanfte Stimme ertönte, sie schien direkt aus dem Spiegel zu kommen. «Möchtest du sehen, wer du wirklich bist?» fragte die Stimme warm und liebevoll. Tiya nickte stumm, ihre Neugier überwältigte die Angst, die sie verspürte. Sie hielt den Atem an und starrte weiter in den trüben Spiegel.

 

Der Nebel begann sich zu lichten, und plötzlich sah sie Bilder, die wie auf einer magischen Leinwand erschienen. Zuerst sah sie schimmernde Engelflügel, die sich majestätisch öffneten und in den Himmel zu steigen schienen. Der Anblick erfüllte ihr Herz mit einer tiefen Sehnsucht.  «Das bin ich nicht,» dachte sie, als der Spiegel erneut neblig wurde, und das Bild wechselte. Vor ihr erschien das Antlitz ihrer verstorbenen Katze Shiva – sanft und friedlich, mit Augen voller Liebe. «Shiva ist ein Engel und ein Teil von mir selbst» dachte Tiya und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Tränen der Erinnerung füllten ihre Augen, doch schon verwandelte sich das Bild erneut.

 

Es erschien eine geheimnisvolle, mehrdeutig strahlende venezianische Maske. «Diese Maske,» sprach der Spiegel, «hast du dir einst angezogen, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Aber dabei hast du dich selbst immer mehr verloren und wurdest immer unglücklicher.» Tiya fühlte einen Stich im Herzen. Es stimmte, sie hatte sich verbogen, um anderen zu gefallen.

 

Dann trat ein neues Bild hervor: Tiya als Zauberfee in einem farbenfrohen, strahlenden Land Namens Vantiyasien in einer Anderswelt. «Dort kannst Du, Du selbst sein,» sagte der Spiegel, «und all deine Möglichkeiten und Träume leben, deine Wünsche wahr werden lassen.» Die Erinnerung weckte etwas in ihr, ein Gefühl von Freiheit und Freude.

«Schau weiter in den Spiegel, Tiya,» forderte die Stimme sie auf. «Zweifle nicht an dem was du nun sehen wirst, ich werde dir jetzt dein wahres Ich zeigen!»

 

Neugierig und mit einem neu entflammten Hoffnungsschimmer wartete Tiya gespannt auf das nächste Bild. Mit klopfendem Herzen starrte Tiya in den Nebel, der nun immer schneller zwischen hell und dunkel schwankte. Plötzlich begannen sich immer klarere Konturen abzuzeichnen…Schliesslich erschien ein zartes, wunderschönes Gesicht, ätherisch und rein, strahlend vor Anmut und Licht. Tiya konnte kaum glauben, was sie sah.

 

Langsam entfernte sich das engelsgleiche Gesicht wieder und die gesamte Gestalt offenbarte sich im Spiegel – es war tatsächlich ein Engel! Ein göttliches Wesen, das sie mit Liebe und Freude ansah.

Tiya hielt den Atem an, als die Erkenntnis ihren Geist durchflutete. «Das bin ich», flüsterte sie, «das ist mein wahres Ich!»

 

«Du bist nicht nur die Maske, die du trägst,» flüsterte der Spiegel, «sondern auch die Schönheit, die tief in dir schlummert. Du bist Liebe, Freude und Freiheit. Du bist alle Facetten deines Seins – lass die Maske fallen und finde den Weg zurück zu deinem wahren Selbst und scheine wieder in deiner wahren Pracht.»

Tränen des Staunens und der Erleichterung flossen über Tiya’s Wangen. In diesem Moment verstand sie, dass sie sich selbst nicht verlieren durfte. Langsam, aber sicher, begann ein neuer glühender funke in ihrem Herzen zu leuchten. Sie war bereit, die Maske abzulegen und die Liebe zu finden, die in ihr lebte. Das engelsgleiche Wesen zu sein, welches sie immer schon war.

 

Doch der Spiegel war noch nicht am Ende angekommen und zeigte ihr noch mehr Bilder - Ihr gesamtes Leben. Wie in Trance folgte sie dem Bilderfilm und hörte der Stimme des Spiegels zu - und erlangte dadurch viele wichtige Erkenntnisse. So erfuhr sie auch, das jedes Lebewesen einen solchen Funken in sich trug und es ihre Aufgabe war, diesen wieder zum erstrahlen zu erwecken. 

 

Einige Zeit später, als Tiya wieder in ihr Bewusstsein zurück kam, hatte sich der Nebel endgültig aufgelöst und sie sah direkt in ihr Spiegelbild. Sie sah aber nun nicht mehr nur sich selbst, sondern auch den leuchtenden Engel der sie war. Mit einem ergreifenden Gefühl von Bestärkung und tiefer Liebe zu ihrem innersten Wesen, wusste sie, dass der Weg der Selbstentdeckung lang und herausfordernd sein würde, aber sie war bereit ihn zu gehen. 

 

Denn eines stand fest: Sie war nie allein – die Liebe, die sie suchte, hatte immer in ihrem Herzen geschlummert, darauf wartend, entfesselt zu werden…